In Wirklichkeit war es anders

 von Achim Bröger
Illustration: Bianca Mense

In reality, it was different

by Achim Bröger
Übersetzerin und Sprecherin: Nikki Spencer

Ein Junge saß am Fluss.
Die Sonne schien und ließ das Wasser blitzen und funkeln.
Da hinten wachsen die Ufer zusammen.
Dort wird der Fluss immer schmaler, stellte sich der Junge vor, obwohl man ihm gesagt hatte: „Das sieht nur so aus. In Wirklichkeit ist es anders.“
Aber er glaubte das nicht.

 

A boy was sitting by the river.
The sun was shining so that the water sparkled and shimmered.
In the distance, the banks of the river merged together.

 

There the river became narrower and narrower, imagined the boy, although he had been told: “It only appears that way. In reality it is different.”
But he didn’t believe this.

Und deswegen wollte er gerne wissen, wo diese Stelle war.
„Ich suche sie“, nahm er sich vor.
Lange ging er den schmalen Weg am Flussufer entlang.
Trotzdem blieb die Stelle, wo der Fluss schmal wurde, immer weiter vor ihm.
Komisch, dachte er, obwohl ich gehe und gehe, komme ich nicht näher.

 

And for this reason he wanted to know where this spot was.
“I will go and search for it,” he decided.
He walked for a long time along the narrow path by the river.

 

However, the spot where the river became narrow, remained further in front of him.
Strange, he thought, although I keep walking, I am not getting closer.

Er traf einen Mann.
„Guten Tag“, wünschte der Junge.
„Ich suche die Stelle, wo der Fluss dünn wie ein Strich wird. Wo finde ich sie?“
Der Mann lachte und fragte: „Weißt du nicht, wie das in Wirklichkeit ist?“
„Nicht genau“, antwortete der Junge.
„Und ich glaube auch nicht alles, was man mir erzählt.“
„Na, dann such nur“, sagte der Mann kopfschüttelnd und ging weiter.

He met a man.
“Good day,” greeted the boy.
“I am looking for the spot, where the river gets as narrow as a line. Where can I find it?”

 

The man laughed and said, “do you not know how things really are?”
“Not exactly,” answered the boy.
“And I don’t believe everything that I am told.”
“Well, then keep searching,“ said the man shaking his head and went on.

Der Junge fragte noch einige Leute. Sie lachten über ihn.
Und einige sagten: „Die Stelle gibt´s nicht.
Wir haben keine Zeit für solchen Unsinn.“
Darüber ärgerte sich der Junge.
Und er suchte immer weiter, bis es dunkel wurde.

 

The boy asked other people but they laughed at him.
And some said, “that spot doesn’t exist.
We have no time for such nonsense.”
This annoyed the boy.
He searched on until it grew dark.

 

 
 

Da kam er zu einem Haus.
Davor saß ein Mann am Bootssteg und sah über das Wasser.

 

Then he reached a house.
In front of the house, by the docks, sat a man looking across the water.

Und der Junge fragte auch ihn: „Ich suche die Stelle, wo der Fluss schmal wird.
Ich sehe sie immer vor mir. Kannst du mir sagen, wo ich sie finde?“
Der Mann lächelte und sagte: „Ich weiß nicht, wo sie ist und wo du sie findest.
Aber ich habe viel Zeit, denn ich bin schon ziemlich alt.
Ich würde die Stelle gerne mit dir suchen.“

 

And the boy asked him too, “I am searching for the place where the banks of the river get narrower.
I see it always in front of me. Can you tell me where I can find it?”

 

The man laughed and said, “I don’t know where it is or where you can find it.
But I have lots of time as I am already quite old.
I would like to come with you and search for the spot.”

Da war der Junge nicht mehr allein.
Der Mann holte seine Mundharmonika aus dem Haus und das Fernrohr.
Dann packten sie viele Dinge in das Boot des Mannes, warfen den Motor an und fuhren los.
Nebeneinander standen sie im Boot.
Manchmal sangen sie.
Oft sagten sie: „Da vorne ist die Stelle.“
Dann starrten sie durch das Fernglas.

 

Now the boy wasn’t alone anymore.
The man went and got his mouth harp and his binoculars.

 

Together they loaded the man’s boat full of things, they started the motor and set off.
They stood side by side in the boat.
Sometimes they sang.
Several times they said, “there is the spot.”
Then they gazed through the binoculars.

Aber sie kamen nie bis dorthin.
Im Gegenteil, der Fluss wurde immer breiter.
Schließlich war er so breit, dass er zum Meer geworden war.
Jetzt schaukelten der Junge und der Mann auf dem riesigen Wasser.
Und sie sahen, dass weit vor ihnen am Horizont Wasser und Himmel zusammentrafen.
Auch diese Stelle wollten sie finden.

 

But they never reached it.
Quite the contrary, the river just grew wider.
Finally it became so wide that it turned into the sea.

 

Now the boy and the man were bobbing up and down on the vast ocean.
And they saw that on the distant horizon water and sky merged.
They wanted to find this place too.

Am Abend ging die Sonne unter.
„Sie versinkt im Meer“, sagte der Junge.
„Das zischt bestimmt.“
Da suchten sie auch die Stelle, wo die Sonne im Meer versank.
Sie suchten, wo das Wasser und der Himmel zusammenstießen.
Und sie suchten, wo der Fluss schmal wie ein Strich wurde.

 

In the evening the sun went down.
“The sun is sinking into the water,” said the boy.
“It will surely fizzle.”

 

Then they also looked for the spot where the sun sank into the sea.
They looked for the spot where the water merged with the sky.
And they looked for the place where the river became as narrow as a line.

Die beiden wurden Freunde, und sie fühlten sich wohl in ihrem Boot.
Sie unterhielten sich.
Sie aßen und tranken miteinander.
In der Nacht leuchteten sie mit der Taschenlampe über das Wasser.
Das glitzerte dann wie die Sterne über ihnen.

 

The two became friends and felt content in their boat.
They chatted with one another.
They ate and drank together.
At night they lit the water with their torches.
Then it sparkled like the stars above them.

 

Wenn das Wetter schön war,
sprang der Junge ins Meer.
Er schwamm und tauchte.
Große Fische und Muscheln sah er.
Sie kamen in Stürme, wild tanzte ihr Boot auf den Wellen.

 

When the weather was nice, the boy jumped into the water.
He swam and dived.
He saw big fish and shells.
They sailed through storms. The boat danced wildly on the waves.

Sie fuhren um die ganze Erde.
Von einem Meer ins andere und durch die Flüsse vieler Länder.
Wo es schön war, blieben sie länger.
Aber irgendwann fuhren sie weiter.
Immer geradeaus.
Die Stelle, wo der Fluss dünn wurde, wo die Sonne im Wasser versank und wo sich das Wasser und Himmel berührten, fanden sie nirgends.

The travelled around the whole world.
From one ocean to the next and through many rivers and countries.
Where it was beautiful, they stayed a little longer.

 

And after a while, they sailed on.
Always straight ahead.
The spot where the river narrowed, where the sun sank into the water and where the water met the sky was nowhere to be found.

Als sie nach Hause kamen, sagten einige Leute: „Seid ihr dumm“-
„So ein Blödsinn“, meinten andere.
Da sahen sich der Junge und der Mann an und lächelten.
„Immerhin“, sagte der Junge.
„Ich weiß jetzt, dass es die Stellen, die wir gesucht haben, nicht gibt.
Aber ich weiß das nicht nur so, weil es mir jemand gesagt hat.
Ich weiß es wirklich.“

 

When they returned home some people said: “Are you stupid?”
“What a lot of nonsense,” said others.

Then the boy and then man looked at one another and smiled.
“After all,” said the boy.
“I know now, that the places we searched don’t exist.
But I don’t know that just because someone told me.
I really know it.”

Der Mann nickte und sagte: „Wir haben viele Dinge gesehen.
Wir haben in warmem Wasser gebadet, in der Sonne gelegen und nachgedacht.
Wir haben Menschen getroffen.
Und außerdem sind wir lange zusammen gewesen.
Schön war das.“

 

The man nodded and said, “We have seen many things.

 

We have swam in warm water and lay in the sun and thought.
We met people.
And besides we spent a long time together.
That was wonderful.”

 

Danach gähnten die beiden und gingen schlafen.
Sie waren ja auch in Afrika, in Indien und noch weiter gewesen.
Und das macht müde.

 

Afterwards they both yawned and went to sleep.
After all they had been to Africa, India and beyond.
And that can make one tired.

 

Ende
 

The End